economiesuisse produziert Bockmist: “Volksschule - Fokus auf das Wesentliche.”
Volksschule - Fokus auf das Wesentliche
+ Auswertung der Vernehmlassung ‘Grundlagen für den Lehrplan 21‘
Ein Vorschlag von economiesuisse, der äusserst klar macht, welche Werthaltung hier in Schulen trainiert werden soll - und wie schwierig es ist, sich hier strategisch zu einigen.
economiesuisse schliesst - aus einer selbst veranstalteten Umfrage - dass die wichtigsten Elemente der Bildung an der Volksschule die Erstsprache (also für diejenigen die das hier lesen vermutlich deutsch) und Mathematik sei. Kompetenzen in andern Fächern wie Naturwissenschaften, Englisch, weitere Fremdsprache folgen in beträchlichem Abstand, und/oder gewinnen erst an Bedeutung mit höherem Leistungsniveau.
Diskussion: Diese “Bewertung” führt nun zu einer ganzen Serie von “Seltsamkeiten”:
- Die hohen Anforderungen die selbst an die Mathematikkenntnisse bei der tiefsten Leistungsstufe gestellt werden, führen schlichtweg dazu, dass hier ein grosser Teil der Schüler ausgeschlossen wird - womit sich die Wirtschaft allenfalls den Vorwurf erspart, selbst für die Arbeitslosigkeit bei schulisch weniger Begabten schuld zu sein. Hier liegt das Hauptproblem des economiesuisse-Konzepts:
- Dass ausgerechnet economiesuisse einen derartigen Bockmist produziert erstaunt (nicht wirklich, aber) vor allem deswegen, weil es doch präzise die selben Leute sind, die andauernd den Hochschulen zu viel Theorielastigkeit und zu wenig Praxisbezug vorwerfen. Nun kommen sie und wollen alle zu Invaliden machen, die gewissen Probleme haben mit Theorien und Abstraktionen. Offensichtlich hatten da ein paar Leute auch nicht all zu viel Mathematikunterricht, zumindest bei der Logik scheint es massiv zu hapern.
Mathematik ist die abstrakte Denkweise per se. Hier entscheidet sich bereits zu einem grossen Teil, wie gut heute jemand in der Schule abschneidet, denn hier ist praktisch jede Schulprüfung ein Intelligenztest - solange nicht bloss auswendig Gelerntes abgefragt wird. Dummerweise ist nun aber die Welt so eingerichtet, dass 50% der Bürger irgendeines Landes, auch der Schweiz, einen IQ von unter 100, die anderen 50% einen von über 100 haben. So wurde die Standardverteilung nämlich definiert. Mit über 115 (plus/minus 10% je nach Fleiss und Unterstützung von Aussen) ist jemand fähig, eine Matur zu absolvieren. Für ein Studium reicht das heute meist auch (bei Fleissigen), früher wurden 120 gefordert. Bereits mit 140 kriegt man allerdings Probleme mit der Gesellschaft, weil man praktisch immer anders denkt als die Mehrheit. Umgekehrt allerdings auch. Ein IQ von unter 80 bezeichnet bereits eine Person mit Debilität, also deutlicher Lernbehinderung. Kinder mit einem IQ zwischen 50 und 74 können bei guter Unterstützung das Leistungsniveau der 3. bis 6. Klasse erreichen, mehr nicht. 5-15% bleiben hier also jetzt bereits chancenlos. Verschärfen wir nun selbst in der “Doddelischule” das Niveau durch Verstärkung des Mathematikunterrichts - statt diejenigen Begabungen zu fördern, die die Betroffenen vielleicht eben statt der abstrakten Erkenntnis haben, also insbesondere die kinetische Intelligenz, die soziale Intelligenz (s. Problem Kindergärtnerinnen mit Matur) oder andere Intelligenzformen, dann verunmöglichen wir einem immer höheren Anteil der Bevölkerung jegliche Chance auf ein eigenständiges Leben, basierend auf Erwerbstätigkeit. Es ist hier nicht die Schule, welche die Ausbildung ändern muss - es ist die Wirtschaft, die gerade für solche Menschen auch Arbeitsplätze bereitstellen muss, in denen die Menschen eine ihnen gemässe Leistung erbringen können. Es ist abartig diese erst als unwert zu erklären (Invalide bedeutet nichts anderes) - und dann als Scheininvalide zu diskriminieren.
Besonders widerlich sind die erwünschten nicht kognitiven “Kompetenzen”:
- Disziplin/Leistung
- Achtung/Respekt
- Motivation
- Flexibilität
- Verantwortung
- Zuverlässigkeit
- Engagement
Sieht man sich die Befragung rechts an, so fällt auf, dass die armen Schüler den hohen Ansprüchen der Lehrherren offenbar überhaupt nie genügen, nicht mal bei der höchsten Leistungsstufe (Ausnahme Flexibilität bei den dümmeren (Denen bleibt nix, als sich anzupassen und zu rennen), Verantwortung bei der mittleren Leistungsklasse (die wollen eben noch Chef werden) und Achtung/Respekt bei den Intelligentesten (denn erfahrungsgemäss hat man wenig Chancen auf ein Weiterkommen, wenn man seinem Chef sagt, was man von ihm hält).
- Disziplin und Leistung sind den Betriebsherren offenbar das Grösste - und bei den Schulabgängern offenbar nur mangelhaft vorhanden. Nun soll die Schule das richten. … Eigentlich wäre das ja Sache des Lohnsystems und der Führung, und zwar an dem Ort wo die Disziplin gefordert wird, nicht an einem Ort ausserhalb, also der Schule. Liebe Chefs, das ist euer Job. Krieg ihr das nicht hin, so dürfte das Problem vielleicht doch eher bei Euch als bei den armen Würstchen liegen, die sich nicht ausreichend biegen lassen.
- Für Achtung und Respekt gilt eigentlich das selbe. Achtung und Respekt muss man sich verdienen (allenfalls kaufen …), aber mit Befehlen oder an der Schule trainieren ist das so eine Sache …
- Bei Motivation und Engagement wird die Angelegenheit zum Horror. Offensichtlich ist bloss knapp 1/3 der Schulabgänger motiviert, 10% engagiert für die Arbeit die sie neu aufnehmen … falls ihnen das nach hunderten von abgelehnten Bewerbungen gelingt. Vielleicht ist das ganz einfach der Preis, den man für diese “Flexibilität” bezahlen muss, denn man kann ja wirklich nicht ernsthaft verlangen, dass sich Lehrlinge für jeden Sch… interessieren müssen, einfach weil jetzt zufällig mal wieder jemand einen Lehrling sucht, und dazu auf einem Gebiet das weit weg ist vom erwünschten (z.B. Informatik).
All diese Probleme sind aber markt- und betriebsbedingt. Sie auch noch der Schule in die Schuhe schieben zu wollen ist ein Witz. Bereits sie als “Kompetenzen” zu bezeichnen ist ein Witz … ausser man sehe diese Kompetenz, zynisch wie es ist, als Begabung des So-tun-als-ob.
Gott sei dank entscheidet aber nicht die economiesuisse über die Lehrpläne der Schweizer Schulen, sondern Bürger und Fachleute, die doch einen etwas breiteren Horizont haben. s. In: Auswertung der Vernehmlassung ‘Grundlagen für den Lehrplan 21′:
| personale Kompetenzen: | soziale Kompetenzen: |
| – Arbeitsverhalten (BE). – Ausdauer (AG, BE, UR, ZG, LCH, BASPO, EVP, SVP CH, SVP ZH). – Bedürfnisse (eigene) erkennen, formulieren und Hilfe annehemen können (BE, SKG, KIFS). – Beharrlichkeit und Lernbereitschaft (AG, VSG). – Eigenverantwortlichkeit, denn Aufträge und Befehle dürfen nicht ohne ethische und rechtliche Haltbarkeit unhinterfragt ausgeführt werden (vpod, SP AR). – Einstellungen – siehe PISA 2003 (AG). – Entscheidungsfähigkeit (BE, FR, FD-TTG, SGL, Schweiz. Rat der Religionen). – Flexibilität (BASPO). – Kreativität (OW, BASPO, SGL AG Religionspädagogik, DOK, ARE, BAFU, BAG, SBF, DEZA). – Leistungsbereitschaft (SZ, BASPO, S&E). – Motivation und Interesse (AG, LCH, BASPO, VSG). – Ordnung (SVP CH, SVP ZH). – Pünktlichkeit (ZG, SVP CH, SVP ZH). – Selbstvertrauen und Selbstkonzept (AG, LCH). – Sorgfalt und solides Arbeitsverhalten (ZG, EVP). – Umgang mit eigenen Grenzen (Schweiz. Rat der Religionen). – Urteilsfähigkeit (LU). – Sorgfalt (UR). – Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme (LCH). – Wahrnehmungsfähigkeit (tps). – Zuverlässigkeit (UR, ZG, BASPO, SVP ZH, SVP CH). – Lebenssinn erkennen (Erdcharta / CH). |
– Anerkennung unterschiedlicher Rollen (BfU). |
| Methodische Kompetenzen | Zusätzlich geforderte Themen: |
|
– Kulturelle Bildung – Ästhetische Bildung – Lebensgestaltung: – Alltags- und lebenspraktische Fragen: – Fächerübergreifendes Arbeiten: – Friedensförderung – Genderbewusstsein; – Integration (BE, VS, Schweiz. Rat der Religionen) – Menschenrechtsbildung: – Interkulturalität: Umgang mit Multikulturalität, Heterogenität, Globalisierung und Migration ist möglicherweise in anderen Themen wie Nachhaltige Entwicklung integrierbar – Globales Lernen: – Mehrsprachigkeit – Technikverständnis: – Life Science: – Sicherheit: Unfallprävention in Strassenverkehr, Sport, Haushalt und Freizeit basiert auf der Übernahme von Verantwortung gegenüber sich selbst und anderen zur Erhaltung und zum Schutz der körperlichen Unversehrtheit und des psychischen Wohlbefindens. – Umweltbildung |
Vergleichen wir nun diese Tabellen mit obigen Erhebungen, bei denen die Schulabsolventen offensichltich bloss unfähig und desinteressiert sind, also Deutsch und Mathematik zu lernen haben, um dann in den Betrieben richtig verwendet werden zu können, sehen die Pädagogen doch andere Probleme wie Chancen:
- Nicht unbedingt die Sprache ist das primäre Problem, sondern die Kommunikationsfähigkeit, die aber weniger von Grammatik als von Wahrnehmungsfähigkeit, Ausdrucksfähigkeit, Geschick im Umgang mit Medien, Beziehungsfähigkeit und vor allem Konfliktfähigkeit abhängt.
- Nicht unbedingt die Mathematik ist das primäre Problem, sondern (wieder) Wahrnehmungsfähigkeit, Lernfähigkeit, Symbolfähigkeit, Technikverständnis, Urteilsfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit …
- Nicht mangelnde Unterwerfung unter Disziplin und Leistungsforderungen, nicht Achtung und Respekt basierend auf Status sind das primären Problem, sondern der fehlende Sinn des Ganzen, der fehlende Lebenssinn, Sinn der Tätigkeit, der Produkte, fehlende Werte, fehlender Respekt gegenüber den Untergebenen, also ein bekacktes Rollenbewusstsein - an dem aber nur andere Arbeitsformen was ändern könnten, nicht Dressur in der Schule. Dies ist zugleich Ursache von fehlender Motivation und Engagement.
Bei den ersten beiden Problemgruppen mag Schulbildung abhelfen, bei der 3. müssen sich die Betroffenen politisch engagieren, da hilft ihnen niemand. (Mit “Betroffenen” mein ich hier die Lehrlinge, nicht die armen Lehrmeister).
So weit, so gut (oder eher: so schlecht). Vergleichen wir doch mal mit den Anforderungen, welche die Wirtschaft heute wirklich stellt, an ihre Führungskräfte. Die folgende Graphik ((BCG Organisationssurvey “Organisation 2015) ist eindeutig veraltet, aber hier bereits sehen wir, dass die vielgelobte Mathematik eine recht unbedeutende Position einnimmt. Weitaus wichtiger ist das Verständnis für Strukturen und Funktionen, das Wissen um die Methoden, wie diese treffend erfasst werden können (Statistik z.B., womit Mathematik natürlich auf recht hohem Niveau wieder im Spiel ist). Eben so wichtig die Sprache, aber vor allem die Sprachwirkung, also Rhetorik, Präsentation, Wirkung der Sprache, verstärkt durch entsprechende Kenntnisse der Psychologie.
Heute sind die Bedingungen noch härter:
Moderne Organisationsabteilungen bestehen aus Change-Managern und IT-Managern.
- Reine Betriebsorganisation ist nur noch selbstverständliches Grundlagenwissen
- Strukturierungswissen wird als selbstverständlich angenommen
- Prozessoptimierungswissen ist selbstverständlich
- IT-Wissen ist selbstverständlich
- Wissen über das Verhalten in Organisationen
- Kommunikationsgestaltung
- Insbesondere Kommunikationsgestaltung in Projekten organisatorischen Wandel.
Bei all dem Wissen, das hier als “selbstverständlich” vorausgesetzt wird, wundert es wenig, dass mancher Manager leicht den Uberblick verliert und sich lieber etwas verbirgt. Es wundert so auch wenig(er), warum von Schulabsolventen derart viel verlangt wird. Das Problem allerdings bleibt bestehen, nämlich dass die Auffassungsgabe unterschiedlich verteilt - und eigentlich bei allen doch eher beschränkt ist.
