Volksvertrauen - Volksprobleme
Volk wie Führung fehlt das Vertrauen in die politische Führung. Weder direkte Demokratie, noch der Föderalismus, oder bewaffnete Neutralität/Armee werden allerdings mehrheitlich in Frage gestellt.
Eine langjährigere Präsidentschaft im Bundesrat würde begrüsst, eine Volkswahl der Bundesräte aber mehrheitlich abgelehnt, allerdings im Volk weitaus weniger stark als bei der Führungselite.
Aber nicht nur das Vertrauen in die Regierung ist erschüttert, sondern genau so dasjenige in die Banken, denen vornehmlich Führungselite Unterstützung gewährt hätte, weniger aber das Volk. Das Bankgeheimnis ist für beide disponibel, das Glück der Schweiz scheint also davon nicht abzuhängen.
Starke Unterschiede gibt es natürlich bei der Bewertung von Managerlöhnen, da diese sich solcher eigentlich schon für wert erachten.

Etwas scheps dürfte das Volk dort liegen, wo es die dominanten Probleme sieht, denn eine Wirtschaftsform einzurichten die allen Beteiligung erlaubt - ohne die Natur und auch ohne die Gesellschaft zu gefährden, also einfach soziale Ausgrenzung zu betreiben, “Unproduktive” aus dem Erwerbsleben auszuschliessen und auf Zwangssparkurs zu setzen, ist nicht bloss ein, sondern höchstvermutlich DAS drängendste Problem unserer Zeit. Die Antwort darauf ist nicht einfach. Das zeigt sich bereits anhand des Problems Krankenkassen: Gedeihen Pharma und Gesundheitsindustrie - kranken die kranken Kassen. Kranken allerdings auch noch Pharma und Gesundheitsindustrie, dann bleiben nicht viele Branchen, die überhaupt noch wachsen. Sie dürfen also ruhig jeden Schnellschuss von Links (Grundlohn) wie Rechts (mehr arbeiten, härter arbeiten, länger arbeiten ….) zurückweisen. Hier ist noch massiv Denk- und Gestaltungsarbeit notwendig.
Sehen wir uns an, wem die SchweizerInnen überhaupt noch trauen, wird die Sache zwar noch dusterer - aber dennoch einige weitere Probleme sichtbarer.
Bundesrat und Parlament kommen grad noch auf 50%, was nicht erhebend ist - gerade etwa im Vergleich zu Nationalbank oder KMUs. Konsumentenorganisationen haben bei Führern wie Fussvolk eine gute Vertrauensbasis (man darf dabei aber nicht vergessen, dass sie sich nur um Konsum sorgen machen, und das reicht eben nicht so ganz). Geradezu “klassisch” die Situation der Gewerkschaften, die beim Volk über hohes Ansehen verfügen, auf die die Führer aber lieber verzichten würden (na ja, verständlich).
NGOs haben berechtigterweise bei beiden ein hohes Ansehen, bei den Führern vermutlich deshalb etwas weniger, weil sie halt ab und zu halt doch etwas Aerger verursachen - was aber präzise ihr Job ist. (s. Neuinterpretation der “unsichtbaren Hand“, die an Stelle der Politik den Markt in Ordnung hält).
Bedenklich ist die Situation der Firmen. Immerhin verbringen die meisten Menschen den grössten Teil ihres Lebens dort. Dieses doch nur mässig vorhandene Vertrauen scheint mir auch den Umfragen ewas zu widersprechen, dass die meisten SchweizerInnen an ihrem Arbeitsplatz eigentlich total glücklich und zufrieden sind. Sind die Schweizer Angestellen einfach Stoiker? Motto: Na ja, eigentlich Sch….,, aber es gibt halt nix anderes.

Oberpeinlich, und aus meiner Sicht ein echtes Problem, das extrem schlechte Abschneiden der Medien, denn woher bezieht das Volk seine Informationen? Bei der Ausgangslage kann das Resultat ja eigentlich bloss noch Gewurschtel sein, denn, nicht vergessen, in einer Demokratie ist das Volk der Souverän. Ein desinformierter Souverän taugt aber einer Demokratie genau so wenig wie einer präsidialen Republik oder einem Königreich.
Das fehlende Vertrauen dürfte nicht mal an einer per se schlechten Qualität der Zeitungen liegen (zumal nicht aller, 20 Minuten oder Blick betrachte ich nicht als Zeitung sondern als Packpapier), aber an der Ausrichtung auf Verkauf, also Mehrheitsinteressen + permanente Aktualität. So gehen Zusammenhänge völlig unter. An einem Tag ist dieses wichtig, am nächsten das Gegenteil. Dem Journal fehlt der rote Faden - was an seiner Natur liegt, eben der Tagesaktualität. Und wer liesst überhaupt noch Zeitungen, also richtige Zeitungen? Und wer liesst zusätzlich zu Tageszeitungen noch Wochen oder Monatsblätter - oder gar Bücher? Tja …. also, trotz Informationszeitalter herrscht totale Desinformation.
Die Wahl des Intellektuellen de Weck als “Fernsehpräsidenten” ist so vielleicht doch ein Zeichen der Besserung, der Anerkennung, dass der öffentliche Auftrag “Information” heisst, nicht gemütlicher Konsum von Sportanlässen auf dem Sofa, Verhinderung der Langeweile bei Couch-Potatoes, und weder die möglichst rapide Verbreitung des frischesten Unsinns den irgend eine bekannte Persönlichkeit grad verzapft, noch das Einlullen der Bürger in eine Retrospektive längst vergangener, wenn überhaupt mal vorhandener “natürlicher Einfachheit” und unterwürfiger Glückseligkeit der “guten alten Zeiten”.
25.8.2010: Ein übles Ergebnis des selben Rückfalls ins Mittelalter (Auge um Auge …) ist das grad anlaufende Initiative für Todesstrafe im Falle sexueller Uebergriffe die zum Tode des Opfers führen. Der Aufstand war laut - aber offenbar ist die Initiative bereits wieder eingestellt worden. Der Ursprung war die persönliche Betroffenheit einer kleinen Gruppe, die verständlich ist und offenbar breit ankam. Enttäuschend ist, wie rasch sich solche “Betroffenheit” über alle historische Erfahrung und Vernunft hinweg setzt. Die Forderung nach einer besseren und vor allem früheren Ueberprüfung von Volksinitiativen auf Uebereinstimmung mit Gesetzen und Menschenrechten, also übergeordneten Gesetzen, erhält somit noch mehr Gewicht. Die SVP hat hier nur insofern recht, als das Volk alles wollen und fordern kann. Aber es darf nicht alles kriegen was es will. Lynchjustiz gehört in Wildwestgeschichten, der Mob der Hexen, Juden oder andere grad halt verdächtige Mitmenschen verbrennt ins Mittelalter, aber nicht in eine moderne Demokratie.