Brainworker-Blog

November 29, 2009

Kleinkarrierter Bockmist dank Volksverhetzung … oder Volksverdummung? oder dummem Volk? in der Verfassung.

Filed under: Glossen, Aktuelles, Politik — admin @ 6:31 pm

Ueberraschend für die meisten, inklusive die Verursacher, hat die Initiative für ein Verbot von Minaretten in der Schweiz eine deutliche Mehrheit erhalten (57%). Die Verursacher loben sich - die Verlierer sollten dies ernst nehmen. Denn mit eben so dämlichen Argumenten ist eine eben so dämliche Organisation in Deutschland in den 30ern an die Macht gekommen. Auch sie wurde nicht ernst genommen, bis es zu spät war. Einem aufgeklärten Staat mit der Trennung von Religion und Politik würde es wohl anstehen, andere Religionen ihr Werk tun zu lassen, solange sie sich an die allgemeine Ordnung halten. Ein Nein zu dieser Initiative wäre einer weltoffenen, liberalen und toleranten Schweiz wohl angestanden. Das Ja deutet jedoch auf eine kleinkarierte, faschistoide und bünzlige Schweiz, die nicht in der Lage ist, über den Tellerrand des Ländles hinaus zu schauen. Ein übles Zeichen. Für diesmal sollte man es nicht hinnehmen, dass das Volk per se immer recht hat, denn offensichtlich kann das Volk, wie vor ihm schon des öftern andere Souveräne (Deutscher Kaiser, Oesterreichischer Kaiser, Saddam, Bush etc.) auch ab und zu einfach Mist bauen. Oder wollen wir demnächst wieder mal darüber abstimmen, ob Muslime (wie andere Semiten) sich nur noch in Lengau und Endingen niederlassen dürfen?

Fundamentalistisch sind in dem Falle die Schweizer - nicht die Muslime:

  • Ist das Aufklärung, wenn die Kirchen leer stehen - während dem man dem Geld nachrennt?
  • Ist das Aufklärung, wenn man Gläubigen ihre Symbole verbietet? (Kopftuch, Minarett)
  • Ist das Aufklärung, wenn man die religiösen Symbole anderer für wirksamer hölt als die eigenen, ja als Gesetz, Ordnung, Vernunft?
  • Ist das Aufklärung, wenn sich die Mehrheit des Volkes von einer Handvoll antiquierter Verschwörungstheoretiker über den Tisch ziehen lässt?
  • Die Schweiz hat demokratisch-mehrheitlich beschlossen, antiislamisch zu sein.
  • Die Schweiz hat ein Problem mit dem Islam.
  • Der Islam hat vielleicht nun auch ein Problem mit der Schweiz …

Und die Saudis sollten sich vielleicht einen Aufschlag von 10% für Schweizer Erdölkunden überlegen und doch wo anders einkaufen als in Genf. Einen Gefallen getan haben sich die Schweizer mit dem Entscheid auf keinen Fall, dafür bewiesen, dass sie nach wie vor nicht sehr weit über die Grenze - die es in der Tat eigentlich kaum mehr gibt - hinaus sehen.
Keine Freunde in den USA, keine Freunde in Europa, keine Freunde im Osten, und nun auch noch die Grundhaltung Europas südlicher und östlicher Nachbarn abgelehnt. Wohl bekomms.

Obwohl, andererseits sind die Schweizer nun glücklich auf dem selben geistigen und intellektuellen Niveau angelangt, dass die USA bereits 2002 erreicht haben, als Bush & Co. diese davon überzeugt haben, der Leibhaftige sitze in Bagdad, mit Massenvernichtungswaffen und Heerscharen von Al Kaida Söldnern … von denen es damals im Irak kaum einen gab, heute jedoch, nach der “Befreiung” jede Menge, die den Irakis reichlich Probleme bereiten … weit mehr als der sog. “Freien Welt”.

So ein Theater wegen ein paar Türmchen? Denkste. Die hohe Politik möchte beschwichtigen - die niedrige macht aber gleichzeitig überdeutlich klar, worum es ihr ging. Es war keine Abstimmung um ein architektonisches Merkmal islamischer Kultusstätten, es ging um Zwangsheirat, um die Verhinderung der Shari’a, um die Verhinderung der Burka, um die Verhinderung von Mädchenbeschneidungen, um die Verhinderung des Islam. Punkt.

Vielleicht allerdings haben die Initianten mit der Geschichte der Schweiz sogar einen Dienst erwiesen, denn bis anhin war die Basisdemokratie ja eines der grössten Probleme, das den Beitritt der Schweiz zur EU verhindert hat. Nach dieser Abstimmung dürften sich manche sagen: Auf eine Basisdemokratie die solchen Mist erzeugt, können wir gerne verzichten!

Zudem erregt eine Verfassung mit Bockmist drin nicht grad Bewunderung. Die vielgelobte und erheischene “Anpassung” dürfte so eher in Mitleidenschaft gezogen worden sein als das ihr gedient worden wäre.  Wenn kleinkarierte Gartenzwerge Anpassung verlangen, weigern sich logischerweise alle, die über den Gartenzaun hinaus sehen.

Zudem verstösst dieses Gesetz gegen die Menschenrechtskonventionen, die wir selbst sooo gerne allen andern um die Ohren hauen, den Chinesen wie den Arabern. Rechtlich dürfte so etwas also gar nicht in einer europäischen Verfassung auftauchen. Logischerweise kriegen wir Applaus von Dänemark, Norditalien, Sarkotzy und ähnlich gelagerten Selbstbeweihräucherern. Der Nationalismus feiert hier mal wieder reduitmässige Urständ: Die Schweiz ist wichtig für Europa und die Welt. Es geht nicht ohne uns. - Wir aber brauchen weder Europa noch die Welt, denn wir wohnen ja hinter dem Mond.

Vor diesem Hintergrund eher gerülpster und gefurzter  als durchdachter Meinungsäusserung kriegen vielleicht auch die aktuellen Studentenunruhen eine andere Bedeutung (also vielleicht bei denen die Nein gesagt haben, bei den andern wohl kaum). Bei diesen geht es ja genau darum, dass ein Studium nur noch dann möglich sein soll, wenn die Studenten ganz klar auf Rendite des Studiums setzen - nicht aber auf denkerische und geistige Inhalte. An der Spitze der Wissensvermittlung sollen möglichst produktive Leithammel gezüchtet werden, an der Basis herrscht dann eben die gerülpste und gefurzte Meinung intellektueller Hanswurste und Volksverführer, die so leichter ihre höchst persönlichen Interessen verfolgen können.

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Unter Kommentare zum bekackten Minarettvebot

werden die Kommentare hier noch mit etwas Substanz versehen. Der Artikel dort wurde geschrieben, als der Antiislamismus und die Horrorgeschichten über den Irak auch in die Schweiz überzuschwappen drohten. Interessanterweise sind dort auch noch längere Kommentare vorhanden zur Angelegenheit der Karrikaturen in Dänemarkt, die Koeppel mit seiner Weltwoche weidlich dazu ausgenutzt hat, den Islam generell zu verunglimpfen. Man darf das Resultat vom vergangenen Sonntag also ruhig als “Erfolg” einer langfristigen Strategie sehen, mit der das Schweizer Volk verängstigt, verdummt und so in die Irre geführt wurde. Die SVP hat nun bloss noch die Ernte eingefahren. … Bezahlen dafür werden wir allerdings alle.

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