Richard David Precht hat in: Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele? [Goldmann. München. 2007] einige Perlen, manchmal allerdings bloss Glasperlen, aufgereiht zu einem Buch. Da ich hier unter Brainworker ein anderes System benutzte, das man eher als vernetzte Denk-Wölkchen bezeichnen könnte, habe ich die Perlen am entsprechendem Ort untergebracht:
1 Das Kernthema des Buches ist die zerfledderte Identität des heutigen Menschen,
welche die Frage aufwirft, ob sich die verschiedensten Ich-Zustände wie Rollen und Identitäten als Familienvater oder - Mutter, Ehepartner, Nachbar, in Beruf, Hobby, Clubs, Vereinen, gesellschaftlichen Kreisen, als Gemeinde-, als Parteimitglied, als Staatsbürger etc. überhaupt noch zu einem Ganzen zusammen finden. Precht erwähnt hier vor allem, nach Luhmann, die Liebe: Liebe ist demnach die ganz normale Unwahrscheinlichkeit, “im Glück des anderen sein eigenes Glück zu finden.” Diese wurde und wird allerdings mehr und mehr durch Güter ersetzt: Wo die Gefühlswelten anderer Menschen zu kompliziert sind, verlasse ich mich lieber auf die zuverlässigeren Bilder- und Gefühlswelten von Waren. Ein Mercedes ist auch in fünf Jahren noch ein Mercedes, ein geliebter Mensch, ein Partner oder ein Freund, garantiert dies nicht.
Diese Erkenntnis tönt zwar brutal, ist allerdings alles andere als frisch. Karen Horney hat das selbe Problem bereits 1951 unter dem Titel: Der neurotische Mensch unserer Zeit behandelt, und Erich Fromm : Haben oder Sein? 1976.
Horney definiert zwar Normalität als das, was die Mehrheit tut - kommt aber zum Schluss, das eben genau das, unter der Perspektive … ziemlich verrückt ist.
Die leicht paradoxe Frage die sich daraus ergibt lautet:
Ist eine Kultur die in den Wahn treibt überhaupt möglich, wenn die Mehrheit bestimmt, was “normal” ist? - Oder, etwas optimistischer: Wie therapieren wir eine Gesellschaft, die sich als ganze verirrt hat?
Fromm seinerseits sieht nicht bloss die Identität des Menschen, sondern auch seine eigenen, wirklichen Interessen gefährdet eben durch den Zerfall der Persönlichkeit, die heute fast zwangsweise dem Marketing-Charakter entsprechen muss:
Die Identitätskrise der modernen Gesellschaft ist darauf zurückzuführen, dass ihre Mitglieder zu selbst-losen Werkzeugen geworden sind, deren Identität auf ihrer Zugehörigkeit zu Grosskonzernen (oder anderen aufgeblähten Bürokratien) beruht. Wo kein echtes Selbst existiert, kann es auch keine Identität geben.
Das Ziel des Marketing-Charakters oder kybernetischen Menschen ist: optimales Funktionieren unter den jeweiligen - von aussen vorgegebenen, durch Geld bewerteten - Umständen.
Ebenso erfährt das heere Konzept der Bildung hier einige substantielle Kritik und Richtigstellung:
Unser Bildungssystem ist im allgemeinen bemüht, Menschen mit Wissen als Besitz auszustatten, entsprechend etwa dem Eigentum oder dem sozialen Prestige, über das sie vermutlich im späteren Leben verfügen werden. Das Minimalwissen, das sie erhalten, ist die Informationsmenge, die sie brauchen, um in ihrer Arbeit zu funktionieren.
Fromm geht allerdings nicht so weit, die ganze Gesellschaft als bekloppt zu betrachten, allerdings sieht er sie a) verführt durch die Medien und b) durch Familie und Schule fehldressiert, auf Produktivität, also Haben ausgerichtet, statt auf Sein.
Habgier und Unterwerfung verdummen die Menschen, so dass sie unfähig werden, ihre wahren Interessen zu verfolgen, ob diese nun ihr eigenes Leben oder das ihrer Frauen und Kinder betrifft. [Piaget 1932]
So basiert sein recht umfangreiches Korrekturprogramm vor allem auf einem Kulturrat, der dafür sorgen müsste, dass der Bürger die richtigen Informationen erhält, nicht diejenigen, die von den Medien für die richtigen gehalten werden, eben weil sie sich en Masse verkaufen lassen.
Die erste Frage die Fromm aufwirft, ist die, wie wir unsere Wirtschaft betreiben könnten, ohne Zwang zu Grösse, Verdrängung, also Zentralismus. Diese Tendenz wurde früher (Marx) unter dem Thema Monopolismus behandelt, ging in den letzten Jahren aber, dank Zwang zur Grösse durch Globalisierung, so ziemlich unter. Wirtschaftstechnische Grundlagen dazu s. speziell: economy of scale & sunk costs.
Tendentiell sieht Fromm in Sachen Wirtschaft eine gewisse Notwendigkeit der Planung. Wem diese Idee per see aufstösst, muss sich schon bewusst machen, dass “der freieste Markt”, der Börsenhandel, in den letzten Jahren eigentlich von Absturz zu Absturz eilt, noch genereller: Dass Investitionen die sich nur am höchsten Profit messen, nicht per se zur Förderung der Glückseeligkeit aller beitragen, sondern meist nur der Förderung des Reichtums weniger. Hierher gehört auch die Forderung der Mitbestimmung, die in der Politik (die immer weniger zu sagen hat) weitgehend verwirklicht wurde, in der Wirtschaft aber oft nicht mal den Aktionären, also Eigentümern gewährt wird. Partizipative Politik und partizipative Wirtschaftsformen, politische UND wirtschaftliche Mitbestimmung sind nötig, um die Entwicklung einer Welt zu ermöglichen, die allen eine gewissen Zufriedenheit im Leben schenken kann. Dies erfordert dezentrale Organisation von Politik und Wirtschaft, nicht die Weltherrschaft einzelner Ideologien. Die Welt als Megamaschine wirtschaftlicher Produktivität ist ein Gehäuse des Faschismus.
Ebenso schlägt Fromm vor, was vor 30 Jahren, dank den “Grenzen des Wachstums” noch leichter möglich war als heute, von der Ideologie des ewigen und unbegrenzten Wachstums abzugehen und Wachstum nur noch dort zu fördern, wo es effektiv nötig ist.
Der wichtigste Punkt aber, eben der Uebergang vom Haben zu Sein, setzt eine Einstellungsveränderung gewaltigen Ausmasses voraus: Die Abkehr vom Gewinndenken, das durch andere Formen der Lust und des Wohlfühlens zu ersetzen wäre. Diese Notwendigkeit lässt sich nicht nur mit den Grenzen des Wachstums erklären, sondern vor allem auf Grund der Verzerrungen des Geistes, die stattgefunden hat, als nach und nach das Geld die Bewertungsfunktionen des Gehirns (über hormonelle Steuerung: Endorphine) dominierte.
Wir müssen uns wieder bewusst werden, dass die volle Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und der des Mitmenschen das höchste Ziel des menschlichen Lebens ist. Leider ist im vergangenen halben Jahrhundert kaum etwas in der Richtung erfolgt, im Gegenteil. Die Habensrichtung hat sich mit der Finanzwirtschaft voll etabliert - ist aber gerade mal wieder voll an die Wand gefahren worden. Nun darf der Staat, d.h. das Volk, nicht nur die Kosten der Arbeitkräfte übernehmen, wenn die mal grad nicht rentieren (Rezession, vorgängige Ueberproduktion, also Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit oder gar Ausschluss wegen zu geringer Rentabilität einer Arbeitskraft.). Nun haftet der Staat auch noch für Schulden der (Finanz-)Unternehmen, falls sich diese mal verspekuliert haben und mit dem Untergang drohen. Hat der Staat früher Geld gedruckt, um seine eigenen, oft absurden Unternehmungen (vor allem Kriege) zu finanzieren, und damit Inflation ausgelöst, so druckt er heute Geld, um marroden Spekulanten aus der Patsche zu helfen (und wird damit genau so Inflation fördern). Es gibt wenig Neues unter der Sonne …
Das Thema Glück
wurde zusammengefasst unter http://www.brainworker.ch/Irak/happyness.htm#glueck
Der Sinn des Lebens
Historische Aenderungen präsentiert unter www.topologie.ch > Sinn des Lebens
Hirnforschung und freier Wille
Was Freiheit, vielmehr die von der Hirnforschung postulierte Unfreiheit des Menschen betrifft, übernimmt Precht die klassische Interpretation des Libet-Experimentes, das Unfreiheit des Entscheidungen postiliert, da diese vom Gehirn gefällt werden, bevor sie bewusst sind. Das ist allerdings eine Fehlinterpretation des Experimentes.
Das unterschiedliche Denken bei Frauen und Männern:
in Abhängigkeit von hormonellen Einflüssen, speziell der zentralen Steuerung durch die Dialektik Gefühle <> rationale Kontrolle. (s. Kybernetik des Geistes I: 5. Wer steuert nun also den Steuermann, das Gehirn?
und Kybernetik des Geistes II (wenn auch nicht nach Precht): Männliches und weibliches Denken