Sozialarbeit: Geschichte, Methode, politische Wirksamkeit
Im August entstanden unter Brainworker 4 grössere Beiträge zum Thema Sozialarbeit.
Die Urfrage meinerseits war mal die nach der “Verwandtschaft” mit oder Brauchbarkeit der Sozialarbeit für gesellschaftliche Entwicklung, anders gefragt: Wie weit kann Sozialarbeit Politik sein oder betreiben?
Vor 3 Jahren hab ich die sehr negativ beantwortet, bei heutigem Kenntnisstand lautet die Antwort einiges positiver, da die Sozialarbeit vor allem auf Internationalen Abkommen wie den Menschenrechten und ähnlichem aufbaut! Ein Lob der List der Sozialarbeit, das Thema mit dem das ganze Cluster vor ca. 3 Jahren begann.
Ein gewaltiger Fortschritt steht hinter der Postmodernen Sozialarbeit, die sich an den heute wirklich vorhandenen (oder eben nicht (mehr) vorhandenen Strukturen der Gesellschaft orientiert statt am Sollen irgend einer Schicht.
- Sozialarbeit als postmoderne Wissenschaft, als Hilfe im Umgang mit divergierenden, ja paradoxen Werten und Ansprüchen.
Die postmoderne Theorie der Sozialarbeit geht, endlich, darauf ein, dass komplexe Strukturen eben oft “Unverständliches”, ja absurdes, sog. Paradoxien erzeugen. Das Paradoxe ist aber in der Postmoderne eben das Normale. Gegen Hyperkomplexität und Polykontexturalität hilft auch kein starker Mann, sondern nur noch Terror und die Bösartigkeit des Banalen: Die transzendentale Illusion der Ganzheit ist nur um den Preis des Terrors zu erreichen.
Noch schlimmer. Weil sich jeder Mensch in eine Vielzahl von Systemen integrieren muss, darf er an keines zu stark angepasst sein, da das seine Anpassungs- und Anschlussfähigkeit für andere Teilsysteme von Gesellschaft und Wirtschaft behindern würde:
In der modernen Gesellschaft müssen Menschen an mehreren Funktionssystemen bzw. Organisationen zugleich partizipieren können, um ihr physische und psychische Existenz zu reproduzieren; sie dürfen, wollen sie ihre Inklusionsfähigkeit nicht gefährden, niemals so (fest) integriert sein, dass ihnen die Freiheit für wechselnde Inklusion verlorengeht.
Der Mensch muss also be-, oder zumindest zurechenbar sein, damit man weiss, wohin er passt. Passt er nirgends mehr hin, wurde er asozialisiert. Passt er sich einzelnen Systemen zu stark an, wird er von andern abgelehnt, also sozial gefährdet.
Für alle Bürger geht es heute, darum, im Gegensatz zu der traditionellen Lebenswelt, potentiell soziale Desintegration, d.h. lose Integrationen als dauerhaften und normalen Zustand auszuhalten.
Der in der Postmoderne gut Integrierte muss also optimal desintegriert sein.
Ich weiss, das alles mag so in der Kürze und auf den ersten Blick etwas spinnert tönen - dürfte aber der Sozialhilfe wie der Bürgergesellschaft vielleicht auf die Sprünge helfen.
Den “Luxus” rein historischer Betrachtungen sollte man sich ab und zu leisten. So erkennt man z.B. rasch, dass der von den Neoliberalen doch auch gerne zitierte Urvater des Liberalismus, Adam Smith, eine ganz andere Theorie davon hatte, wie Wirtschaft funktionieren sollte:
Eine grosszügige Entlohnung der Arbeiter ist daher Bedingung für den Wohlstand der Nationen.
Ilse von Arlt nam das kritisch auf für eine Begründung der Sozialhilfe: Der Kulturzustand eines Landes wird nicht durch seine Höchstleistungen bestimmt, sondern durch seine Grenznot. Das ist die tiefste geduldete Entbehrung. Gegenüber etwa der Naziideologie, die auch heute noch gerne vertreten wird: Minderwertige sind auszumerzen. Der Wohlfahrsstaat zerstört das Verantwortungsgefühl der Unterstützten gegenüber der Gemeinschaft durch Züchtung von Unterstützungsempfängern.
Leider weis die Sozialarbeit eben so wenig vom Kern ihres Anliegens wie die Oekonomie, die normalerweise behauptet, für das Glück der Menschen zu sorgen. Das Easterlin-Paradox zeigt immer noch, dass ein Mehr an Wohlstand nur solange von Bedeutung ist, bis die Grundbedürfnisse gedeckt sind, dann wird Wohlstand und Glück nicht mehr gefördert. Dennoch schreit alles nach Wachstum. Eine Fehlkonstruktion. Die Betonung der Wirtschaftlichkeit selbst bei der Fürsorge, ist übrigens nicht erst durch den Neoliberalismus gefördert worden, sondern längst durch die Naziideologie des Produktivismus. Die Sozialarbeit vermag zumindest in der Zwischenzeit intelligentere Grundfragen zu stellen, wie etwa:
Wie sollen Menschen so angeordnet und koordiniert werden, dass sie das zum Leben Notwendige wie Wünschbare produzieren können?
Um die folgende Empfehlung von Staub-Bernasconi auch in die Tat umsetzen zu können, arbeitet die Sozialarbeit heute stark mit internationalen Verträgen, womit sie listig die kleinkarrierte nationalistische Selbst- und Ungerechtigkeiten korrigieren kann:
Sozialarbeitende neigen relativ schnell zu Ohnmachtsklagen gegenüber einer Organisations- und Sozialstruktur. Sie haben - als neue Schlüsselkompetenz - zu lernen, ihre Handlungsspielräume im Rahmen einer lokalen, nationalen und internationalen Machtstruktur zu erkennen und zu nutzen.
- Die <real existierende Sozialarbeit> und einige ihrer <kategorischen> Probleme mit Wirtschaft und Politik:
Sozialarbeit als perpetuum mobile:
- Hilfsbedürftigen - die diese Unterstützung nur erhalten, solange sie eben nicht normal bleiben.
- Erst wenn sich die Sozialarbeit der Abweichung von der Norm sicher ist, kann sie aktiv werden, womit sie aber die Hilfsbedürftigkeit gleicherweise zementiert und die Gefahr der Willkür fördert.
Sozialarbeit als permanente Reparatur an der Risikogesellschaft - während dem eine der Urmütter der Sozialarbeit, Salomon forderte also quasi, dass Sozialarbeiter die Stelle gesellschaftlicher Risikobewerter übernähmen.